{"id":630,"date":"2024-08-24T23:51:03","date_gmt":"2024-08-24T21:51:03","guid":{"rendered":"https:\/\/pair-o-dice.filk.de\/?page_id=630"},"modified":"2024-09-24T22:08:54","modified_gmt":"2024-09-24T20:08:54","slug":"horizont","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/pairodice.de\/de\/songs\/horizont\/","title":{"rendered":"Horizont"},"content":{"rendered":"<h5><em>(Die Br\u00fccke nach Salamanca)<\/em><\/h5>\n<p>\nDie Br\u00fccke an der alten Silberstra\u00dfe,<br \/>\nein belebtes Band aus L\u00e4rm und grauem Stein,<br \/>\ntr\u00e4gt die Welt seit je zu Salamancas Toren,<br \/>\ndoch abends liegt sie schweigend und allein.<br \/>\nSind die Menschen jener Ufer auf der Reise<br \/>\nbeenden sie sie zeitig vor der Nacht,<br \/>\nund fl\u00fcstern im Vor\u00fcbergehen leise:<br \/>\n&#8222;Hab acht!&#8220;<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>Des Reiters langer Schatten will erm\u00fcden,<br \/>\ndoch Salamanca liegt nun schon zum Greifen nah,<br \/>\ndie Botenfahne flattert matt gen S\u00fcden,<br \/>\ndie alte Br\u00fccke noch, und er ist da.<br \/>\nDie Sonne k\u00fcsst den Horizont, der Reiter achtet&#8217;s nicht,<br \/>\nda tritt sie leisen Fu\u00dfes aus dem Br\u00fcckenkopf hervor,<br \/>\nihr Haar weht wei\u00df im Abendwind, ihr Kleid durchwirkt von Licht &#8211;<br \/>\nsie ist glei\u00dfend sch\u00f6n, ein Sommerstrahl, doch er sieht nur das Tor.<\/p>\n<p>Die schlanke Hand greift warnend in die Z\u00fcgel:<br \/>\n&#8222;Geliebter, Du betrittst mein Reich aus Stein,<br \/>\nbald sinkt die Sonne hinter Dunst und H\u00fcgel,<br \/>\nbist Du dann noch auf der Br\u00fccke &#8211; bist Du mein!&#8220;<br \/>\nEr schnaubt: &#8222;Weib, St\u00fcrme wehen, wenn ich reite,<br \/>\nmein Pferd, es ist das schnellste in L\u00e9on,<br \/>\nkaum hundert Schritt sind&#8217;s bis zur andern Seite<br \/>\nWas stehst Du mir im Weg, scher Dich davon.&#8220;<\/p>\n<p>Sie tritt zur\u00fcck und lacht, die Stimme schneidend wie Kristall,<br \/>\nschon hallt sein Hufschlag hell das erste Br\u00fcckenjoch entlang,<br \/>\nda, still, im Abendrot, ahnt er Gestalten \u00fcberall,<br \/>\nwie Tr\u00e4ume auf der Reise, wie ein halbvergessner Klang.<br \/>\nEr hebt den Blick. Der Br\u00fccke graues Band<br \/>\nschwingt sich in B\u00f6gen himmelw\u00e4rts empor,<br \/>\nspannt weit und hoch sich \u00fcber blasses Land<br \/>\nund fern, am blauen Horizont &#8211; das Tor.<\/p>\n<p>Er flucht, trabt an &#8211; schrill hallt ihr Lachen wieder &#8211; ,<br \/>\nund fragt sich noch: H\u00e4tt ich zur\u00fcckgekonnt?<br \/>\nDie Botschaft eilt, die Sonne sinkt hernieder,<br \/>\nnur drei Fingerbreit bis zum Horizont. . .<\/p>\n<p>Ein mancher hastet, eilt gleich ihm, die meisten aber bleiben<br \/>\nund starr&#8217;n verlor&#8217;n in die Momente zwischen Tag und Nacht,<br \/>\nseh&#8217;n traumversunken Welt um Welt im Fluss vor\u00fcbertreiben,<br \/>\nein Junge nur raunt leis&#8216; noch im Vor\u00fcbergehn: &#8222;Hab acht. . .&#8220;<br \/>\nEin Strom aus ferner Zeit umsp\u00fclt den Boten,<br \/>\nein r\u00f6mischer Soldat, ein Maurenkind,<br \/>\ner sieht Adel, Volk, Alanen, Visigothen,<br \/>\nfremde Trachten, fremde Augen, leer und blind.<br \/>\nIhm graust. Im Kanter prescht er durchs Gedr\u00e4nge,<br \/>\nHaare schimmern rabenschwarz und weizenblond,<br \/>\nder Br\u00fcckenkamm! Sein Schrei gellt durch die Menge,<br \/>\nnur zwei Fingerbreit bis zum Horizont. . .<\/p>\n<p>Angst kriecht ihm in die Glieder und sein Blut rauscht in den Ohren,<br \/>\nim Wort des Br\u00fcckenweibs g\u00e4hnt wie ein Schlund die Ewigkeit.<br \/>\nWird er in D\u00e4mmerung versinken wie die andern Toren,<br \/>\nein Schatten zwischen Land und Himmel, Leben, Tod und Zeit?<br \/>\nDort vorne, noch ganz klein, sieht er sie stehen,<br \/>\nwie Falten schmiegt sich Nacht in ihr Gewand,<br \/>\nHaare, die wie Rabenschwingen um sie wehen,<br \/>\nihr schwarzes Lachen zerrt ihm am Verstand.<br \/>\nDurch ihre Schatten und die tr\u00e4gen Menschentrauben<br \/>\nblinkt Salamancas Tor, vom letzten Licht besonnt,<br \/>\nund er ahnt: es ist zu weit, doch mag&#8217;s nicht glauben &#8211; &#8211; &#8211;<br \/>\nnoch ein Fingerbreit bis zum Horizont. . .<\/p>\n<p>Verzagt, ertrinkend greift er nach den Bildern seiner Reisen,<br \/>\nferne Wasser, wei\u00dfe St\u00e4dte, wo die Sonne heller brennt,<br \/>\nGedanken wie ein wilder Kuss, er schwelgt und l\u00e4sst sie kreisen<br \/>\ndoch die Furcht zieht ihn mit harter Hand zur\u00fcck in den Moment.<br \/>\nAch! Sein stolzer Hengst, sein Freund auf all den Reisen &#8211;<br \/>\ner pr\u00fcgelt ihn wie einen sturen Gaul,<br \/>\nzu weit! Die Funken stieben von den Eisen,<br \/>\nzu weit!, zu weit! Der Schaum steht ihm vorm Maul.<br \/>\nDes Boten Blick streift jene, die sich selbst verga\u00dfen,<br \/>\nund im letzten Herzschlag, eh&#8216; die Sonne sinkt<br \/>\nbeschw\u00f6rt er hell die Freiheit langer Stra\u00dfen,<br \/>\ner zaudert stumm,<br \/>\nrei\u00dft dann sein Pferd herum,<br \/>\nlegt den Kopf zur\u00fcck<br \/>\nTriumph im Blick<br \/>\nund springt. . .<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>So fanden sie sie beide, Ross und Reiter,<br \/>\nzerschmettert unterm letzten Br\u00fcckenjoch.<br \/>\nMan starrte stumm und keiner wusste weiter,<br \/>\nwar die Br\u00fccke dort doch kaum drei Schritte hoch.<br \/>\nDie Menschen an der alten Silberstra\u00dfe<br \/>\nbegruben ihn, den Mythos schon umgab,<br \/>\nkein Name und kein Stein bezeugt die Stelle,<br \/>\ndoch jeder, der vorbeizieht, kennt das Grab.<\/p>\n<p>Noch heut singt man auf jener Uferseite<br \/>\nvon dem einen, der dem Br\u00fcckenweib entkommt,<br \/>\nund fl\u00fcstert im Vor\u00fcbergehen: &#8222;Reite,<br \/>\nder Tag versinkt hinterm Horizont!&#8220;,<br \/>\nund fl\u00fcstert leise: &#8222;Reite, Bote, reite,<br \/>\nbis zum Horizont!&#8220;<\/p>\n<p><em>16. August 2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Die Br\u00fccke nach Salamanca) Die Br\u00fccke an der alten Silberstra\u00dfe, ein belebtes Band aus L\u00e4rm und grauem Stein, tr\u00e4gt die Welt seit je zu Salamancas Toren, doch abends liegt sie schweigend und allein. 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